Auf Fischen stehend

Jeansstoff, Dresdner Goldpappen, genäht, 140 x 140 cm, Frühling / Sommer 2012

Auf Fischen stehend

„Auf Fischen stehend“ steht für die Geschichten in unserem Leben, welche vom Sehnen, Suchen und vom „Finden des Ungesuchten“ (serendipity) handeln.

An der Küste von Maine / USA lernte ich einen Haustyp kennen, bei dem ein kleiner Balkon im Bereich des Daches angebaut ist – der sogenannte „widows watch“ (Witwenausblick). Man erzählt, die Frauen der Seefahrer konnten von dort weit über das Meer blicken – in hoffnungsvoller oder banger Erwartung ob der Heimkehr ihrer Männer.

Auf dunklem Jeansstoff – einem robusten Arbeitsstoff – finden sich zarte, ineinandergreifende Linien, die an Meereswellen denken lassen. Beim Nähen der „Lebenslinien“ zeigten sich Fragen:
Wann träume ich mich sehnend in die Ferne?
Welche Wünsche und Sehnsüchte beflügeln meine Phantasie?
Und wozu dienen sie?
Wann bin ich ‚hier‘? Gegenwärtig?
Wie verändert sich meine Wahrnehmung, wenn die Gedanken sich mit etwas nicht Erreichbarem beschäftigen?

Goldmotive (Schiffe und Fische) leuchten auf dem dunklen Arbeitsstoff. „Gold“ wird dem Kostbaren zugeordnet oder wurde in religiösen Zusammenhängen benutzt. Die „Dresdner Goldpappen“ entstanden um 1870; metallisiertes Papier wird unter hohem Druck in Formen gepresst und erhält dadurch sein plastisches Aussehen.

„In See stechen“, das beinhaltet zentral die Frage: woran kann ich mich orientieren?

In Zeiten, in denen die Schiffe noch nicht mit Hightech ausgestattet waren, boten die Sternbilder – zum Beispiel das "Kreuz des Südens" – den Seefahrern Orientierung.

Ein solches „Orientierungs-Kreuz“ findet sich beim Mantel „Auf Fischen stehend“ im Bereich des Herzens. Es ist aus goldenen Fischen gebildet.

Rainer Maria Rilke tastet sich in seinem Gedicht „Fortschritt / Das Buch der Bilder“ an diese Lebensgeheimnisse heran. Er schreibt:

„Und wieder rauscht mein tiefes Leben lauter,
als ob es jetzt in breitern Ufern ginge.
Immer verwandter werden mir die Dinge
und alle Bilder immer angeschauter.
Dem Namenlosen fühl ich mich vertrauter:
Mit meinen Sinnen, wie mit Vögeln, reiche
ich in die windigen Himmel aus der Eiche,
und in den abgebrochnen Tag der Teiche
sinkt, wie auf Fischen stehend, mein Gefühl.“

Auf Fischen stehend 2
Auf Fischen stehend 3

Auf Fischen?
Stehend?
Diese stets sich immerzu bewegenden, ‚flutschigen Gesellen‘?

Es will ausgehalten werden, wenn wir uns auf die Reise machen, dass uns zunehmend der vermeintlich feste, sichere Stand abhandenkommt, die Dinge sich auf ihre ganz eigene Weise entfalten und ‚in den Lebensfluss kommen‘.

Astrid J. Eichin

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