Ein Glas Saft täglich

Im Herbst 1997 hatte ich das Gefühl: ein Entsafter muss her!

Nicht nur war ich entzückt von der Köstlichkeit des frisch gepressten Saftes – auch überraschte mich die Farbigkeit und Stofflichkeit des Tresters. Da ich zuvor Papier handgeschöpft hatte lag es für mich nahe, diese beiden Stränge miteinander zu verbinden und den bei der Saftpressung anfallenden Trester mit dem Schöpfsieb zu formen.

Tag für Tag reihen sich die Tresterstücke dieses Jahres kalendergleich aneinander. Sie sind in zwölf Monatsrahmen (Monatsblatt 50 x 70 cm) angeordnet. Zu jedem Monat gibt es eine Liste, so dass nachvollzogen werden kann, welche Saftpressung zu welchem Tresterstück führt.

Saft-Geschichten:

Zu Beginn des Jahres zeugen lange Listen mit den verschiedensten Zutaten von meiner Experimentierfreude bei der Saftpressung.

Im Juni / Juli gab eine „Saftkrise“. Um den auf ein Jahr festgelegten Prozess nicht „vertrocknen zu lassen“, hielt ich mich mit der Reduzierung auf eine Zutat (Äpfel) über Wasser.

Eine sommerliche Fahrradtour endete jäh: ich hatte nach einer guten Wegstrecke eine kleine Pause eingelegt. Unter einem Apfelbaum sitzend beobachtete ich die Meisen im Geäst. Plötzlich nicht nur die Ahnung, sondern die Gewissheit: ich hatte den Backofen angelassen (um den Trocknungsprozess der Tresterstücke zu beschleunigen)! Damals noch ohne Handy trat ich mit aller Kraft in die Pedale, um schnellstmöglich die nächste Telefonzelle zu erreichen und mir ein Taxi zu bestellen. Was ich dem Fahrer erzählte weiß ich nicht mehr. Vor meinem inneren Auge breiteten sich Bilder aus - grauer Rauch, verbranntes Schwarz, das Rot der Feuerwehrautos.

Schwarz und wie gläsern waren die Tresterstücke gebrannt, doch – dem Himmel sei Dank: nur der Backofen war völlig verrußt.

Zu "Ein Glas Saft täglich" gehört für mich auch die Geschichte, wie Zeit ihre Spuren hinterlässt bzw. Dinge verändert – in diesem Fall in Form von Dörrobstmotten, die meine Kunst förmlich „zum Fressen gernhatten“.

Es gab Gespräche mit Kammerjäger und Mottenexperte, Kälteschock und hohe Temperaturen, um der Plage Frau zu werden. Doch blieb mir nichts anderes übrig, als mich mit Gelassenheit und Humor mit den Wandlungsprozessen der Zeit (und der Materie) einverstanden zu erklären, so dass neben der schriftlichen und fotografischen Dokumentation nur einzelne Tresterstücke unangetastet blieben.

Kalenderblatt Januar 1998
Kalenderblatt April 1998
Kalenderblatt Oktober 1998
Kalenderblatt Dezember 1998

Astrid J. Eichin

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