Martinusmantel

Martinusmantel
handgewebte, alte Leinenstoffe genäht; teilweise pigmentgefärbt; Goldkordel; Tascheninhalte (22) variabel (Plexiglasröhrchen gefüllt; Papier)
ca. 138 x 111 cm, 2015/16
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Seit 2005 ist die Via Sancti Martini eine eingetragene Kulturstraße des Europarates. Dieser Weg orientiert sich an den Wirkungsstätten des Heiligen Martin in Südeuropa. Ab September 2016 verläuft mit der Mittelroute ein zweiter Martinuspilgerweg "Via Sancti Martini" durch Europa. Der Weg begint in Szombathely (Ungarn), der Geburtsstadt des Heiligen Martin und verläuft durch Österreich, Deutschland, Luxemburg, Belgien und Frankreich bis nach Tours, wo der Heilige Martin Bischof war. Das Wegenetz umfasst insgesamt über 2500 Kilometer.

Alle weitere Informationen zum neuen europäischen Martinus-Pilgerweg finden Sie auf der Homepage www.martinuswege.eu

Es ist mir eine Freude – und war mir Herausforderung zugleich - der Eröffnung dieses Weg einen "Wegbegleiter" (im wahrsten Sinne des Wortes) mitgeben zu dürfen: einen Martinusmantel.

Mantelform / Material / Größe:

Die Grundform dieses Mantels ist eine althergebrachte, archaische, welche sich in verschiedenen Kulturen findet: es ist eine einfache T-Form, welche sich aus den handgewebten Stoffbahnen der bäuerlichen Kulturen entwickelte und möglichst wenig "Stoff-Verschnitt" mit sich brachte. Die Stoffbahnen werden in rechten Winkeln aneinandergesetzt und geben somit dem Mantel etwas Zeitloses und Würdevolles, was über die reine Anschauung eines Mantels hinausgeht.

Die Materialauswahl für den Martinusmantel stützt sich auf Texte, die beschreiben, wie eine asketische Grundhaltung das Leben des Martin von Tours durchzog; z.B.:

"Martin beeindruckte das Volk durch sein asketisches Leben, seine Fürsorge für die Nöte der Armen… Beim Volk war Martin beliebt als ein gerechter, treusorgender Bischof. Seine Lebensweise blieb asketisch: er lebte zuerst in einer Zelle an der Kathedrale ... Seine Askese brachte ihm aber immer wieder die Gegnerschaft des Klerus ein ... Alle Legenden betonen Martins schlichte Lebensart und demütige Haltung: Er putzte selbst seine Schuhe und saß nicht auf der bischöflichen Kathedra, sondern auf einem Bauernschemel ..."
www. Heiligenlexikon.de

"Deshalb fasste er sein Schwert, mit dem er gegürtet war, teilte den Mantel in der Mitte entzwei und gab die eine Hälfte dem Armen, mit der anderen Hälfte bekleidete er sich. Einige der Umstehenden machten sich über ihn lustig, da ihn der abgerissene Mantel entstellte."
www.heiliger-martin.de

Als Material für den Martinusmantel habe ich drei Stoffe gewählt:

  • einen rotbraunen grob gewebten Leinenstoff, welcher die Farbe des Logos aufgreift
  • einen handgewebten ungebleichten Leinenstoff, welchen ich glücklicherweise in Graubünden fand (die meisten alten Stoffe sind gebleicht); in diesen Stoff sind die kleinen Taschen eingenäht
  • einen handgewebten Leinenstoff, der die "Patina der Zeit" in Form von Stockflecken trägt; dieser Stoff wird von mir in Farbe des Logos (Kreuz-Weg) eingefärbt.
Martinusmantel Detail

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Gestaltung des Mantels:

Die Eröffnung des Pilgerweges erfolgt (im Spätsommer des Jahres) 2016 und so scheint mir wichtig, nicht einen "historischen Mantel" aus alten Stoffen zu imitieren - ihn sozusagen älter wirken zu lassen als er ist. Durch seine Gestaltung wird er als Kunstwerk gesehen werden, welches über sich selbst hinausweisen vermag – oder wie es ein Zen Satz ausdrückt "Der Finger, der zum Mond zeigt ist nicht der Mond."

Auf die Mantelform habe ich das Logo des (mittleren) Pilgerweges übertragen:
auf rotbraunem Untergrund findet sich eine orange-gelbe Kreuzform.
Oder, wenn man es weiter fassen möchte:
Es finden sich: ein Weg. Ein Wegabschnitt. Eine Wegkreuzung.
Der Betrachter sieht nur einen Ausschnitt des Ganzen; die Stoffbahnen, welche das Wegzeichen aufgreifen, scheinen über die Mantelbegrenzung hinauszugehen.

Inhaltliches:

Zwischen der "linken Herzseite" und den beiden rechten Stoffen findet sich eine Schnürung. Hier sind die Stoffbahnen nicht vernäht, sondern mit einer goldenen Kordel verbunden. So wird in diesem Detail ein zentrales Motiv aus dem Leben des Martin von Tours sichtbar: die "Mantelteilung".

Martinusmantel Detail

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Sie mag als Leer-Stelle stehen für

  • das Vertrauen, dass in allem was uns zu trennen scheint -
    von uns selbst
    vom anderen
    von dem, was größer ist als wir - sich "Verbindungsfäden" zeigen mögen
  • den Mut, unsere vermeintliche Kleinheit hinter und zu lassen und hie' und da über uns selbst hinauszuwachsen
  • die Hoffnung, dass alles, was durchtrennt ist, in einer neuen Form zusammenfinden möge. Ich denke an die japanische Kintsugi Technik, bei welcher auf eine zerbrochene (Tee-)Schale, nachdem sie wieder geklebt wurde, mit goldener Farbe der Riss nachgezeichnet wird. Das Zerbrochene wird hier nicht verschämt versteckt und als Makel gesehen; es erhöht vielmehr den Wert der Schale. Vielleicht kann gerade auch im Ansehen dieser Risse das Kostbare und Einzigartige in einem Menschenleben aufleuchten und heil werden.
  • ... und: der Mantel ist aus schlichten, handgewebten Stoffen gefertigt. Seinen "Adel" /seine Kostbarkeit erhält er durch den "Akt des Teilens"; sichtbar gemacht an der goldenen Kordel, die die beiden Mantelhälften verbindet.
Martinusmantel Detail

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Es geht sozusagen als "Rohdiamant die Grundform des Martinusmantels" auf Reisen; seine Ausgestaltung wird sich im Lauf der Reise finden; diese wird individuell durch die teilnehmenden Orte und Gemeinden gestaltet werden:
auf der linken Seite des Mantels – der Herzseite - finden sich in unregelmäßiger Anordnung 22 schmale, knopflochartige Schlitze, die inwendig in kleine Taschen münden.
Dorthinein können "Wegmarken" gesteckt werden.
Diese Kostbarkeiten gruppieren sich um die Herzgegend herum.
Sie mögen verweisen auf: ich bin nicht alleine unterwegs; es gab Wandernde / Suchende / Findende / Fragende vor und nach mir ...
Und: durch das Unterwegs sein, den Mut das Bekannte (wenn auch vielleicht nur für kurze Zeit) zu verlassen, kann sich etwas Neues heraus gestalten. Das braucht seine Zeit.

Martinusmantel Detail

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