Una faccia in prestito / Ein Gesicht leihweise

Im Oktober 1999 lebte und arbeitete ich zusammen mit acht weiteren Künstlerinnen in Torre San Marco, einem "200 Seelen - Bergdorf" in den Marken / Italien.

Una faccia in prestito / Ein Gesicht leihweise

Dort angekommen wusste ich sehr schnell: meine zu Hause vorbereiteten Arbeitsansätze konnte ich nicht einfach übernehmen und umsetzen.
Diesen Zustand der Ungewißheit auszuhalten, nichts zu forcieren, zu lauschen,
behutsam mit der Situation umzugehen, gegebenenfalls sogar auf die Umsetzung
vorbereiteter Projekte zu verzichten - zugunsten der Achtsamkeit und des Respekts - dies war nicht einfach!
Meine künstlerische Arbeit während dieser zehn Tage erfolgte in drei aufeinander aufbauenden Stufen.
Der im nachfolgenden skizzierte Arbeitsablauf war nicht zu Hause geplant; ich selbst war von der Verflechtung "innere Entwicklung - äußere Erscheinung" überrascht.

i cinque sensi / Die fünf Sinne

Begegnung Die fünf Sinne Begegnung Die fünf Sinne Begegnung Die fünf Sinne Begegnung Die fünf Sinne

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Bei der Ankunft in Torre San Marco wurde mir bewusst, dass ich nicht einfach die zu Hause ersonnenen und vorbereiteten Arbeitsansätze übernehmen und mit ihrer Ausführung beginnen konnte.
Es galt, "mein Reisegepäck" ruhen zu lassen und mich zu öffnen für das Neue und Unbekannte, was mir hier vielschichtig entgegentrat. Selbst "ein Stück weiße Leinwand zu werden" – mich anrühren zu lassen vom Klang der mir fremden Sprache, der Landschaft, den sinnlichen Entdeckungen.
Aus dieser Basis heraus formte sich meine erste Arbeit "i cinque sensi / Die fünf Sinne". Meine Wahrnehmung - als Vorbereitung und Ausgangspunkt für die Begegnung mit dem Du.
Neben den gepflügten Äckern fand ich eigentümlich geformte Sandsteine. Pürierte Minze, welche an den Wegrändern wuchs, ließ einen Stein intensiv duften. Zuckerperlen aus der Bar "Luna verde" bildeten einen süßen Mund auf der rauen Oberfläche eines anderen. Grauer Filz aus der Näherei des Ortes hüllte flechtenbewachsene Feldsteinhaut in einen bergenden Mantel.

uno, due, tres

uno, due, tres uno, due, tres uno, due, tres

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Mit der spielerischen Neugier, aber auch der Unwissenheit eines Kindes bewege ich mich in der mir fremden Umgebung, der unbekannten Kultur. Wie kostbar, wenn ich gute LehrerInnen finde und Menschen, die mich an ihrem Erfahrungsschatz teilhaben lassen. Den zweiten Schritt meiner künstlerischen Arbeit ging mit mir Signora Donatella, die Grundschullehrerin des Ortes:
U-n-a f-a-c-c-i-a i-n p-r-e-s-t-i-t-o. Sie spricht mir diesen Satz Buchstabe für Buchstabe vor. Ich spreche ihn nach. Dabei entsteht bei jedem Buchstaben ein Foto des Mundes.
E-i-n G-e-s-i-c-h-t l-e-i-h-w-e-i-s-e, spreche ich vor; sie spricht mir nach. Wo finde ich das weiche italienische "r"? Wie formt man denn ein "ch"?
Diese Fotoaktion wurde von unserem Gelächter begleitet und vom mehrmaligen Umrühren der Pasta-sauce.

Eigentlich ist es ein Kinderspiel

Eigentlich ist es ein Kinderspiel

Neun Photographien der Gesichter von uns Künstlerinnen bildeten meine Basis für die dritte Arbeit: "Eigentlich ist es ein Kinderspiel". Behutsamkeit erforderte es, einige Frauen aus dem Ort dazu zu gewinnen, sich dieser Intimität der Portraitfotografie auszusetzen. Immer wieder teilte sich mir zwischen den Zeilen das Gefühl mit, nicht schön genug zu sein; vielleicht auch die Scheu, so nahe und in solch "hellem Licht" gesehen zu werden. Die Fotos von uns Frauen unterteilte ich in vier Segmente: Stirn, Augen, Nase, Mund / Kinn. So konnte ich mir eine vom Leben gezeichnete Stirn borgen, schmale oder füllige Lippen, Lach- oder Zornesfalten.
Spielerisch wanderten die einzelnen Partien durch die Hände; nach der Abschlussausstellung war kein Gesicht mehr in seinem ursprünglichen Zustand.

Glücksmomente

Diese Tage in Torre San Marco waren in ihrer Intensität und Fülle ein großes Geschenk für mich!
Ich habe die Arbeiten meiner Künstlerkolleginnen vor Augen, die sich intensiv mit Aspekten des Lebens von einzelnen Dorfbewohner/innen befassten.
Menschen kamen in ihren "guten Kleidern" zu unserer Abschluss Ausstellung, die noch nie in ihrem Leben etwas mit Kunst zu tun gehabt hatten.
Das leer geräumte Regalfach in der Bar für die Arbeit einer Kollegin, geöffnete Türen und Fotoalben, den angebotenen Kirschlikör und die "dolci". Ich entsinne mich des Gelächters in der Bar, des Grußes auf der Straße, der Wärme einer Umarmung – der geteilten Zeit.
Entfernt davon, eine Idylle skizzieren zu wollen, scheint mir das Grundgefühl dieser Tage "Weitherzigkeit" zu sein - über alles Fremde und Andersartige hinweg klang für Augenblicke das an, was uns Menschen verbindet.